Auf eine gerettete Mahlzeit mit...Valentin Thurn

Valentin Thurn (*1963) ist Dokumentarfilmer, Journalist und Autor. Bekannt geworden ist er u. a. mit dem Film Taste the Waste (2011), der sich mit dem globalen Ausmaß von Lebensmittelabfällen und dem Umgang der Industriegesellschaft mit Lebensmitteln beschäftigt. Valentin beschäftigt sich also schon lange mit der Mission der Lebensmittelrettung und stellt uns hier seine Auffassungen zum Thema vor.


Gibt es ein prägendes Ereignis, das dich dazu gebracht hat, dich für Lebensmittelrettung einzusetzen?

Für mich war ein prägendes Erlebnis die Begegnung mit Mülltauchern in den 1980er Jahren. Ich war damals 18 und habe eine Fahrradtour durch England gemacht als mir das Geld ausging. Ich wollte dann in London eine Woche ohne Geld auskommen und das war überhaupt nicht schwierig. Mit den Resten des Großmarktes war es wirklich sehr einfach durchzukommen. 2007 habe ich eine Reportage darüber gemacht, das hat mir selbst die Augen geöffnet.


Gibt es Personen, Ideen oder Organisationen, die dich in diesem Bereich geprägt haben?

Das Komische war tatsächlich, dass es damals noch niemanden gab. Als ich 2007 für meine Reportage recherchierte, gab es weder ein Amt oder eine Behörde noch eine Uni oder einen Verein, der sich darum gekümmert hat. Viele haben über Verpackungsmüll gesprochen, aber über Lebensmittelabfälle hat in Deutschland niemand geredet.


Valentin hat dies zum Anlass genommen, selbst aktiv zu werden. 2012 gründete er die Internetplattform foodsharing.de mit, welche vom Verein foodsharing e.V. getragen wird. Sie bietet Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit, überschüssige Lebensmittel zu (ver)teilen.


Was würdest du sagen, ist seit deiner Recherche 2007 erreicht worden? Was waren und sind wichtige Schritte in eine restefreie Zukunft?

Wichtige Schritte waren die Veröffentlichung einer Deutschlandstudie 2012 zum Thema Lebensmittelabfälle und dass es seitdem auch auf Länderebene verschiedene Studien zu dem Thema gab. Ein weiterer Schritt ist die Kampagne “Zu gut für die Tonne” der Bundesregierung, aber diese greift leider zu kurz. Wir bräuchten einen ökonomischen Rahmen, der das Wegschmeißen deutlich verteuert. Nur dann würde sich wirklich was ändern. Die Bundesregierung ist vergleichsweise gut im Ankündigen und schlecht im Ausführen, da sind viele europäische Länder inzwischen weiter. Zum Beispiel in Frankreich, wo es Supermärkten verboten ist, Lebensmittel wegzuschmeißen und sogar in Großbritannien, wo man eine starke Regulierung eher scheut, hat man es geschafft, mit einer freiwilligen Vereinbarung den Trend umzukehren.


Wer trägt denn deiner Meinung nach die größte Verantwortung, etwas zu verändern?

Naja, es wäre verfehlt zu sagen, der Bösewicht, das sind nur die Supermärkte. Aber genauso kann man nicht sagen, es sind nur die Verbraucher. Es ist schon eine geteilte Verantwortung. Ich muss aber sagen, bei der Einstellung und dem Bewusstsein in der Bevölkerung ist am meisten passiert. Es haben sich auch Unternehmen und Startups dem Thema angenommen, aber die Politik hat es versäumt, daraus eine Bewegung zu machen, die wirklich auch ganze Branchen verändert. Dabei gäbe es so viele Dinge, die man als “quick win” umsetzen könnte: Die Unterscheidung zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum ist so ein Punkt. Da müssten sie nicht auf Brüssel warten. Stattdessen heißt es: “Wir müssen vielleicht noch ein richtiges Verfallsdatum einführen.” Dabei ist das dann wieder EU-Recht und der Minister weiß genau, dass er da nichts einführen darf. Dies zeigt mir nur, dass er gar nichts ändern möchte.   


Was würdest du sagen, ist auf der individuellen Ebene, also im Alltag der Konsumentinnen und Konsumenten, das Mindeste, was man gegen Lebensmittelverschwendung tun könnte?

Also, es ist sicherlich gut, wenn man sich beim Thema Wertschätzung auch mal an die eigene Nase fasst. Wobei die Wenigsten es im Alltag schaffen, immer streng nach Einkaufszettel einzukaufen. Man möchte ja auch noch Spaß dabei haben, dann lacht einen mal etwas an und dann steht man doch mit zu viel an der Kasse. Ich denke, es gibt da trotzdem noch Strategien, dem Wegwerfen vorzubeugen. Meine ist es z.B. abends, bevor ich anfange zu kochen, erstmal in den Kühlschrank zu schauen und zu checken: “Was ist nicht mehr so lange haltbar?” Die Lebensmittel verkoche ich dann zuerst und kreiere ein Gericht um diese herum.

Aber vor allem: Traut euren Sinnen, wenn es um das Mindesthaltbarkeitsdatum geht! Probiert, riecht, schaut euch die Lebensmittel an. Wenn es nicht mehr haltbar ist, kriegt man es ja mit - und es ist ja auch nicht mit einer Gesundheitsgefahr verbunden, wenn man mal den Finger reinsteckt und probiert.


Was würdest du sagen, sind die notwendigen nächsten Schritte gegen Lebensmittelverschwendung?

Also das Wichtigste wäre wirklich eine Bundesstrategie. Das kann Verschiedenes beinhalten, aber Unternehmen reagieren natürlich auf ökonomische Reize. Das heißt, wenn gesagt wird, die Abfallgebühren werden teurer, werden die Unternehmen nach Lösungen suchen. Oder wenn es heißt: “Ihr dürft keine essbaren Lebensmittel mehr wegwerfen.” - dann wird versucht, diese kurz vor Ablauf verbilligt weiterzugeben. Was sie in der heutigen Wettbewerbssituation natürlich kaum machen können, ist, die Regale abends nahezu leer zu haben. Das wäre die einzige Möglichkeit, die Verschwendung auf 0 zu minimieren. Dazu ist der Wettbewerb zu hart geworden, aber man kann sie dazu bringen, andere Lösungen zu suchen.


Wie stellst du dir die Lebensmittelindustrie in 10, 20 Jahren vor bzw. wie wünschst du sie dir?

Einerseits ist es bei unserer Verschwendung ja so, dass zu viel produziert wird, andererseits wünsche ich mir aber auch, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie die Lebensmittel eigentlich produziert werden. Da plädiere ich sehr stark für mehr Regionalität. Wir haben in Köln daher einen Ernährungsrat gegründet und beraten bundesweit viele Städte, wie sie ein Netzwerk für Ernährungsdemokratie vor Ort aufbauen können. Die Idee ist, dass in diesem Gremium auch Vertreter aus Verwaltung, Lokalpolitik und Wirtschaft vertreten sind und gemeinsam über Lösungen nachdenken.


Gibt es etwas zum Thema Lebensmittelverschwendung, was wir in der nächsten Zeit von dir persönlich erwarten dürfen?

Aktuell konzentriere ich mich immer mehr darauf, wie die Lebensmittel eigentlich hergestellt werden. Tatsächlich habe ich auch die Führung bei Foodsharing, wo ich mich jahrelang engagiert habe, der jüngeren Generation übergeben. Da gibt es nun Nachfolger, die das sehr gut machen- beides hätte ich zusammen einfach nicht geschafft. Das gibt mir dann wieder den Raum eines Tages auch als Filmemacher wieder über das Thema zu berichten.


Das würde uns sehr freuen!

Teresa Rath

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