Auf eine gerettete Mahlzeit mit...Leoni Beckmann (RESTLOS GLÜCKLICH e.V.)

Leoni (*1987) ist erste Vorsitzende des Vereins RESTLOS GLÜCKLICH e.V. mit Sitz in Berlin. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, Lebensmittel wieder mehr wertzuschätzen. Mit ihren Projekten wollen sie Menschen für das Thema sensibilisieren und dazu bewegen, bewusster zu konsumieren. Dazu bieten sie Bildungsprojekte, Dinnerabende und Caterings an.

Wir haben bei Leoni nachgefragt, was und wer sie geprägt hat und was ihr Motivation gibt, sich ehrenamtlich für die Lebensmittelrettung einzusetzen.


Gibt es ein prägendes Ereignis, das dich dazu gebracht hat, dich für Lebensmittelrettung einzusetzen? Wie entstand die Idee, dafür einen Verein zu gründen?

Prägend war für mich, dass ich es von zu Hause einfach so kannte, dass meine Mutter den Kühlschrank aufmachte, guckte was drin ist und mit diesen Sachen wurde dann gekocht. Bei uns war es einfach gang und gäbe, dass nicht nach Rezept gekocht wurde. Erst im Studium, als ich dann in WGs gewohnt und mit anderen Leuten gekocht habe, habe ich gemerkt, dass das gar nicht alle so machen. Ich glaube, das war für mich relativ einschneidend zum Thema Resteverwertung. Da dies natürlich auch ein Grund dafür ist, dass man viel wegwirft, wenn man viele Sachen durch verschiedene Rezepte hat und dann nicht mehr weiß, was man mit all den Zutaten noch anfangen soll.

Die Idee mit dem Verein geht nicht auf meine Kappe, sondern auf die von Anette, die mit mir den Verein gegründet hat. Sie wurde inspiriert durch das Restaurant rub & stub in Kopenhagen, welches auch mit überschüssigen Lebensmitteln gekocht hat. Ich war von der Idee sofort begeistert - auf der einen Seite von der Restaurant-Idee, also dass man mit überschüssigen Lebensmitteln für andere kocht und auf der anderen Seite, weil der Bildungsaspekt von Anfang an eine große Rolle spielte, um auch so zu einem Umdenken beim eigenen Konsum- und Essverhalten anzuregen.


Gibt es Personen, Ideen oder Organisationen, die dich in diesem Bereich geprägt haben?

Besonders geprägt hat mich foodsharing. Gerade bei Studenten ist das ja sehr beliebt, ich habe da auch mitgemacht und fand, dass es ein wahnsinniger Organisationsaufwand für die ist. Wie die das Organisieren, dass so viele Lebensmittel gerettet werden können, ist echt toll.


Leoni ist eigentlich Bildungsmanagerin und arbeitet weiterhin in ihrem Beruf. RESTLOS GLÜCKLICH e.V. ist vor allem durch die Eröffnung des ersten Restaurants in Deutschland, welches Gerichte aus überschüssigen Lebensmitteln anbietet, im Mai 2016 bekannt geworden. Seit Oktober 2017 konzentriert sich der Verein, der größtenteils aus Ehrenamtlichen besteht, auf die Bildungsarbeit und bietet einzelne Dinner-Abende oder Caterings an.


Den Verein gibt es mittlerweile seit 2015 - seitdem habt ihr schon viele Personen für das Thema sensibilisieren können. Was waren besondere Reaktionen auf dein Engagement in deinem Umfeld oder aus der Öffentlichkeit?

Ein prägendes Ereignis war die gesamte Crowdfunding-Kampagne, das hat noch nichts direkt mit Lebensmittelverschwendung zu tun, aber es ist eine sehr besondere Zeit gewesen. Ich fand auch die Aktionen, die wir in der Zeit gemacht haben, z. B. Rausfahren mit Kindern zum Kirschenpflücken, weil es sich für den Bauern nicht lohnt diese zu pflücken, sehr einprägsam.

Bei meiner Familie waren die Reaktionen unterschiedlich. Meine Mutter fand es von Anfang an großartig, mein Vater war sehr skeptisch. Er dachte mehr: “Was will die denn in der Gastro, damit hat sie doch nichts am Hut.”

Am Anfang hatten wir auch ein sehr großes Medienecho und hatten dann sehr viel mit Kritik im Internet zu tun, dass wir den Tafeln das Essen wegnehmen würden bzw. dass wir die Menüs aus geretteten Lebensmitteln verkaufen, wir könnten sie doch auch Obdachlosen so anbieten. Ich fand den Gedanken sehr spannend, dass überschüssige Lebensmittel quasi für sozial Schwächere vorbehalten seien. Das zeigt halt auf der einen Seite den Gedanken, dass man den Menschen damit helfen kann, auf der anderen Seite aber auch die Einstellung, dass diese eher die Reste haben können. Daher bin ich immer noch ganz froh, dass wir uns mit dem Verein nicht auf sozial Schwächere konzentrieren. Wir sprechen z. T. mehr andere Zielgruppen an und damit auch die, die sich ein Abendessen leisten können und damit Teil des Problems sind, wenn es ums Wegwerfen geht.   


Seit der Vereinsgründung bist du erste Vorsitzende und nach wie vor ehrenamtlich im Einsatz. In den Jahren habt ihr einiges erlebt: Von einzelnen Events und Aktionen, über eine Crowdfunding-Kampagne sowie Aufbau eurer Bildungsarbeit hin zur Eröffnung aber auch Schließung des Restaurants - was waren für dich die intensivsten Erfahrungen aber auch Lehren aus dieser Zeit?

Die Crowdfunding-Kampagne war schon eine sehr verrückte Zeit, das muss man einfach mal gemacht haben. Es ist ultra anstrengend, aber macht auch sehr viel Spaß. Sehr lehrreich war auch die Gründung eines Vereins, der gleichzeitig ja eine Art Social Business ist. Es ist anstrengend und aufregend, da man sich in einen komplett neuen Bereich begibt - die wenigsten haben ja umfassende Gründungserfahrungen. Selbst mit BWLern an Bord ist es schwierig, da das deutsche Recht nicht sehr freundlich unserer Vereinsform gegenüber ist. Das war sehr herausfordernd.

Die schönsten Zeiten für mich sind immer die, in denen man mit Kindern Workshops machen kann. Dort sieht man, wie schnell man da schon etwas erreicht. Sie lernen einfach sehr schnell und nehmen viele Sachen an, das finde ich total bereichernd!


Was würdest du sagen, ist seit dem Beginn deines Engagements 2015 allgemein erreicht worden?

Das ist eine sehr gute Frage. Wir sind ja nicht sehr politisch. Wir halten uns aus der politischen Diskussion immer noch so ein bisschen raus. Ich glaube aber dennoch, dass wir einer der Player sind, warum dieses Thema so viel in den Medien war in den letzten Jahren. Das Thema ist immer wichtiger geworden und wir konnten natürlich auch auf den Zug aufspringen, aber ich glaube das kommt auch nicht von ungefähr. In der Zeit hat sich ultra viel getan. Als wir angefangen haben, war das Thema Lebensmittelverschwendung noch überhaupt nicht auf der Agenda. Das ist dann erst ziemlich groß geworden und hat eine wahnsinnige Resonanz bekommen. Jetzt wird es meiner Meinung nach schon intensiver angegangen.


Was waren und sind wichtige Schritte in eine restefreie Zukunft?

Für mich wäre das auf jeden Fall die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums bzw. eine Umstrukturierung. Aber auch das wird nichts an dem Thema Wertschätzung ändern. Ich glaube, ‘all you can eat’- Sushi Buffets, wo man für die übrig gebliebenen Röllchen auch Geld zahlen muss, sind Dinge, die in die richtige Richtung gehen. Ich finde das sehr einprägsam zu sagen, man muss dafür bezahlen, wenn etwas übrig bleibt. Das zielt direkt auf unser Konsumverhalten ab. Ansonsten ist es, ich glaube auch vor allen in anderen Ländern als Deutschland, ein großes Problem, dass wir zum übermäßigen Einkaufen angeregt werden. Angebote wie “Kauf drei, zahle zwei” verleiten zu Käufen, die man gerade auch bei Lebensmitteln gar nicht bewältigen kann. Lange waren die Angebote und auch Produkte nicht auf Einzelhaushalte ausgelegt, das hat sich immerhin schon ein bisschen gewandelt in den Supermärkten. Neben dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist daher für mich der Knackpunkt unsere Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln und dazu muss es auch eine Veränderung in der Produktion geben.


Wer trägt da deiner Meinung die größte Verantwortung, etwas zu verändern?

Für mich auf jeden Fall die Politik. Bessere Standards in der Lebensmittelproduktion zu setzen ist einfach Aufgabe der Politik, weil wir Bürger da nicht genug machen und die Politik es umsetzen kann. Genauso wie mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum, auch da muss die Politik aktiv werden.


Was sind die Ziele von RESTLOS GLÜCKLICH e.V. für die nächste Zeit? Worauf dürfen wir uns freuen?

Ich hoffe erstmal auf viele schöne Dinnerabende. Das ist einfach Teil unseres Programms, um einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema zu bieten. Freuen darf man sich aber auch auf viele tolle neue Bildungsprojekte. Ich glaube, unsere Zielgruppe werden auch weiterhin Kinder und Jugendliche sein, weil man mit ihnen so gut arbeiten kann und sie so viel verstehen. Wer weiß, was die Zukunft bringt - ich fände es total spannend, mehr einzumachen, mehr zu fermentieren und stärker in diese Richtung zu gehen.


Wie stellst du dir die Lebensmittelindustrie in 10, 20 Jahren vor bzw. wie wünschst du sie dir?

Ich wünsche mir eine deutlich nachhaltigere Lebensmittelindustrie, in der einfach bio das Normale ist und nicht gekennzeichnet werden muss. Vielmehr sollten die Produkte eine Kennzeichnung brauchen, die es nicht sind. Dazu gehört für mich auch deutlich weniger Verpackung. Darüber hinaus braucht es Produktionswege, die besser verzahnt sind und dadurch weniger Lebensmittelreste zulassen. Wenn man an das Gemüse denkt, das irgendwie auf den Feldern über bleibt und gar nicht in den Handel kommt, dann wünsche ich mir dahingehend, dass wir offener gegenüber den natürlichen Formen des Gemüses werden.


Vielen Dank, Leoni, das wünschen wir uns auch! ;)

Nora Beckmann

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